Wandern in Zermatt: Was du nur von einem Einheimischen erfährst

Michael 15 min Lesezeit
Hike
Bergsee in Zermatt mit Spiegelung von Dent Blanche und Obergabelhorn

Wer in Zermatt wandert, geht oft auf Wegen, die Beat Truffers Familie schon vor über 100 Jahren begangen hat. Im Gespräch erzählt der diplomierte Wanderleiter und Direktor des Matterhorn Museums, was sich verändert hat, wo seine Geheimtipps liegen und wie Geschichte und Berge zusammengehören.

Warum Wandern in Zermatt mit Beat Truffer mehr ist als ein Weg durch die Berge

Es gibt Menschen, bei denen scheinen mehrere Leben zusammenzukommen. Beat P. Truffer ist so einer. Geboren 1965 in Zermatt, aufgewachsen mit dem Matterhorn vor der Haustüre. Über 30 Jahre Versicherungsmanager in Zürich. Seit zweieinhalb Jahren zurück im Tal als Direktor des Matterhorn Museums Zermatlantis. Zusätzlich: Wanderleiter mit Eidg. Fachausweis und Mitglied der Union of international Mountain Leader mit T4-Akkreditierung und 73 Viertausendern auf dem Konto, davon alle Schweizer und Autor von mehreren Büchern über Zermatt und das Matterhorn.

In der Familie liegt etwas, das die Verbindung zu den Bergen erklärt. Sein Urgrossvater Fridolin Kronig war ein Zermatter Bergführer, der unter anderem Edward Whymper einige Jahre nach der Matterhorn-Erstbesteigung von 1865 begleitete. Sein Schwager war später Hüttenwart der Monte-Rosa-Hütte. Beat selbst kam über das Bergsteigen zum Wandern. „Mit etwa zwanzig habe ich angefangen und einen Viertausender nach dem anderen bestiegen", erzählt er. „Parallel hat mich die Geschichte von Zermatt nie losgelassen."

Den Anstoss zum Leiten von Wanderungen gab ein Zufall. Während seines Studiums der Betriebsökonomie sass Beat einmal im Büro des damaligen Kurdirektors, als ein Anruf kam: Eine Schweizer Reisegruppe suchte einen Wanderleiter für einen Sommer mit Senioren in Zermatt und Saas-Fee. Der Kurdirektor hielt die Hörmuschel zu und fragte: „Wäre das nicht etwas für dich?" So begann ein weiteres Berufsleben.

Wandern in Zermatt klingt einfach: gut markierte Wege, Bergbahnen direkt in die Höhe. Warum also einen Wanderleiter buchen? Wir haben Beat einen Vormittag lang nach den Wegen, den Gefahren und den Geschichten gefragt, die hier zwischen Matterhorn und Monte Rosa liegen.

Warum die Bergwelt von Zermatt weltweit einzigartig ist

Es gebe viele schöne Bergregionen in der Schweiz, räumt Beat ein. Allein das Ferdenrothorn im Lötschental sei irrsinnig. Und doch sei Zermatt einmalig. „Nirgends in den Alpen stehen so viele hohe Berge so eng beieinander", sagt er. Vergleichbar sei höchstens Chamonix, dort gehe es eher noch eine Spur wilder zu, jedoch ist die Harmonie und Schönheit der Berge in Zermatt unvergleichlich. Eine Sache aber werde fast immer unterschätzt: die Geologie und damit die Basis für alles.

Schon als Jugendlicher hat sich Beat mit Mineralogie beschäftigt und damals sogar Radio-Interviews dazu gegeben. Heute fliesst dieses Wissen in seine Touren ein. „Was hier an Plattentektonik zusammenkommt, ist weltweit einmalig", sagt er. Sedimentgestein, Gneis und Schiefer liegen auf engstem Raum nebeneinander. Wenn er mit Gästen unterwegs ist, fragt er sie manchmal, ob sie sich bewusst seien, wo sie eigentlich stehen, wenn man hundert Millionen Jahre zurückgeht. Das verändere das Gehen, sagt er. Dasselbe gilt für die Alpenflora: Rund um Zermatt wachsen Pflanzen, die es praktisch nirgendwo sonst auf der Welt gibt.

Versteckte Routen rund ums Matterhorn: Beats persönliche Geheimtipps

„Das sind extrem schwere Fragen", lacht Beat, als wir ihn nach seinen Lieblingstouren fragen. Es gebe einfach zu viele schöne Unternehmungen. Doch nach kurzem Überlegen kommen Namen, die meist nicht im Standardprogramm stehen.

Da ist der Höhenweg vom Ried nach Findeln, „den finde ich nach wie vor wunderschön". Da ist die Tour von Blauherd Richtung Chumme und den Ritzengrat aufs Unterrothorn, wo fast nie jemand unterwegs ist und Aussicht wie Flora schlichtweg fantastisch sind. Und da ist die Wanderung aufs Gross Kastel, die man von Randa aus erreicht. Statt des Matterhorns steht hier das Weisshorn im Bild, in voller Wucht. Eine weniger bekannte, wilde Gegend, in der man praktisch immer alleine ist.

Sein vielleicht persönlichster Insider-Tipp: der Hörnliweg, aber von der Staffelalp aus aufwärts statt vom Schwarzsee. „Frontal Matterhorn-Nordwand. Unglaublich, aber Leistung." Viel strenger, viel steiler, dafür emotional eine andere Welt. Diese Variante empfiehlt Beat nur für den Aufstieg, für den Abstieg sei der Weg zu steil und rutschig. Sobald man oben nach dem Hirli auf den Hauptweg trifft, ist man wieder im Strom der anderen. Auf dem Stück davor aber, sagt Beat, habe er „oft noch nie jemanden getroffen". Auch der Hohtälli-Grat aufs Stockhorn ist einsam und aussichtsmässig eine Wucht.

Wer noch weiter weg will, kann mit Beat auch weglos gehen. Die Fortsetzung des „verlorenen Tal" zum Beispiel, das eigentlich Findeltrift heisst. Der populäre Name stammt aus einem Roman von Hannes Taugwalder. Von dort steigt man weiter zu den verborgenen Seen auf: eindrücklich, einsam, eine ganz andere Atmosphäre. „Ich habe dort einmal plötzlich über 100 Gämsen auf einmal gesehen."

Geführte Wanderungen in Zermatt: Mehr Sicherheit, mehr Wissen, mehr Erlebnis

Was bietet ein Wanderleiter, das keine App ersetzen kann? Beat nennt drei Dinge:

1. Sicherheit. Wegzustand und Wetter sind im Kopf. Das macht den Unterschied, wenn es brenzlig wird. „Sogar auf Schwarzsee habe ich schon erlebt, wie schnell das Wetter umschlagen kann. Auch ich war überrascht."

2. Wissen über die Geschichte, Natur und Landschaft. Im Internet nachlesen ist nie das Gleiche, wie wenn jemand neben dir steht und erklärt, dass die Schalensteine am Hubel möglicherweise Opfersteine aus prähistorischer Zeit sind. Oder dass einige Wege in der Gegend alte Römerwege Richtung Italien sind. Oder dass das Männertreu, eine kleine Alpenorchidee, nach Vanille schmeckt. (Pflücken ist verboten, die Pflanze steht unter Schutz.)

3. Gesellschaft und Schärfung der Wahrnehmung. Wer alleine unterwegs ist und keine Erfahrung hat, sieht nur das Grobe. „Viele wissen zum Beispiel nicht, dass es zwei verschiedene Alpenrosen gibt, eine auf Kalkboden, die andere auf Silikatboden." Sobald man das weiss, sieht man den Untergrund mit anderen Augen.

Auf Wunsch lässt sich eine Wanderung in Zermatt auch sehr gut mit Kulinarik verbinden.

Von Schneefeldern bis falschem Rucksack: Was am Berg oft unterschätzt wird

Beat ist akkreditiert für T4-Wanderungen (alpine blau-weisse Wanderungen) und hat selbst die anspruchsvollsten Routen rund um Zermatt mehrfach begangen. Auf die Frage, welche Fehler er beim selbstständigen Wandern am häufigsten sehe, antwortet er ohne lange Überlegung:

1. Mangelnde Vorbereitung.

2. Falsche Einschätzung der Tour.

3. Zu viel oder falsches Material. „Man sieht immer wieder Leute mit unglaublich schweren Rucksäcken, die völlig unterschätzen, wie viel Energie das kostet."

Spannend findet Beat etwas, das viele unterschätzen: Die grösseren Gefahren liegen oft nicht auf den schwierigeren T4-Routen, sondern auf den scheinbar harmloseren T3-Wegen. „Auf T4 hat sich der Mensch in der Regel schon mit der Tour beschäftigt", erklärt er. „Auf T3 gehen viele mit dem Gefühl an, sie könnten es schon." Als Beispiel nennt er einen Berg ausserhalb des Wallis, der grosse Mythen im Kanton Schwyz. Ein T3-Weg mit 44 Kurven. Jedes Jahr sterben dort zwei bis drei Personen.

Am gefährlichsten sei alles, was mit Wasser zu tun hat: Schneefelder, (gefrorene) Flussläufe, Lawinen, Gewitter, gefrorene Wege, Steinschlag. Vor allem im Frühling, wenn Schneereste unterschätzt werden, und im Spätherbst, wenn Flüsse zufrieren und Wanderer meinen, sie könnten kurz darübergehen. Hinzu kommt die Unaufmerksamkeit.

Von Blumenwiesen bis Schneeschuhtrail: Zermatt-Touren für jede Saison

Eigentlich, sagt Beat, sei das Wandern in Zermatt im Frühling und im Herbst am schönsten. Im Frühling, weil die Blumenpracht bis Ende Juni phänomenal sei: Anemonenfelder,  Enzian-Teppiche, Orchideen. Im Herbst, weil sich der Lärchenwald verfärbt. Hier seine konkreten Empfehlungen für jede Jahreszeit:

Frühsommer: Im Gebiet von Findeln bis Gornergrat. Beste Flora rund um Zermatt, viele seltene Blumen. Auch in der Nähe von Blauherd lohnt es sich.

Hochsommer: Aufs Oberrothorn. „Auf den ersten Blick öde Landschaft, aber oben hat man wirklich das Gefühl, auf einem hohen Berg zu sein." Es ist der höchste Wanderberg von Zermatt.

Goldener Herbst: In die Gegend der Riffelalp. Fantastischer Lärchenwald, gleichzeitig viele alte Arven, über die Beat gerne erzählt.

Winter: Mit Schneeschuhen aufs Theodul-Plateau oder etwas abgeschiedener auf die Täschalp. „Als Gast lohnt es sich, auch einmal Zermatt-aussen kennenzulernen: Z'Mutt, Findeln, Täschalp."

Noch ein Tipp am Rande: Die meisten Wanderer sind zu spät unterwegs. „Eine Fünf-Seen-Wanderung um zehn Uhr zu starten, ist schade. Man verpasst so viel." Morgens früh und abends spät sehe man mehr, weil die Tiere aktiver seien und die Hotspots weniger frequentiert.

Zwischen Hotspots und Ruhe: Wie sich Wandern in Zermatt verändert hat

Beat hat Zermatt in mehreren Rollen erlebt. Als Einheimischer in den 60ern und 70ern, als Rückkehrer, als Wanderleiter und jetzt als Museumsdirektor. Eines fällt ihm sofort ein, wenn man ihn nach Veränderungen fragt: Es sind viel mehr Leute unterwegs. „Wandern ist wirklich zu einem Volkssport geworden."

Was er bedenklich findet, ist nicht die Zahl an sich. Es ist die Art, wie viele dieser Wanderer mit dem Gebirge umgehen. Sie laufen einfach los, ohne Planung. Einige Hotspots sind überlaufen. Und es geht oft mehr ums Sehen als ums Erleben. Wenn Gäste nur zwei bis vier Tage in Zermatt sind und unbedingt alles abklappern wollen, sei das eigentlich der grösste Fehler. Eine Woche sei das Minimum, um diese Bergwelt zu verstehen.

„Eigentlich sollte man mehr zum Genusstourismus und weg vom Instagram-Tourismus kommen."

Beat Truffer, Wanderleiter ZERMATTERS

 

Was ihn am meisten besorgt, ist, dass die intakte Natur, die Zermatt an vielen Orten noch hat, langsam strapaziert werde. Doch er ist nicht resigniert. „Wenn man Ruhe sucht, gibt es genügend Wege, wo man sie findet." Nur drei, vier Orte nah bei den Bahnen seien überlaufen, der Rest sei frei. Es brauche nur ein wenig Vorbereitung und die Bereitschaft, von der Standardroute abzubiegen.

Ein Führerbuch, Edward Whymper und die Spuren einer Zermatter Bergführerfamilie

Wer Beat eine Weile zuhört, merkt: Die Bergwelt rund um Zermatt ist für ihn nie nur Geografie. Sie ist immer auch Geschichte. Und seine Familie ist Teil dieser Geschichte.

Sein Urgrossvater Fridolin Kronig war ein Bergführer, der Edward Whymper nach der Matterhorn-Erstbesteigung von 1865 in den Bergen begleitete. Wirklich bewusst wurde Beat das aber erst spät. Sein Grossonkel schenkte ihm kurz vor dem Tod das Führerbuch des Urgrossvaters. „Da kam hervor, dass Kronig zweimal mit Edward Whymper unterwegs war, einmal davon auch am Matterhorn."

Beat beschreibt es als Mosaiksteinchen, die sich zusammensetzen. „Es ist, als hätte ich das Virus im Blut gehabt, aber lange nicht gewusst woher."

Im Führerbuch finden sich viele bekannte Namen aus der goldenen Ära des Alpinismus. Whymper selbst, schmunzelt Beat, sei wortkarg gewesen: „War mit Fridolin Kronig am Matterhorn unterwegs, war alles bestens." Andere Gäste füllten zwei Seiten mit Schilderungen, wie fantastisch sie betreut worden seien. Heute ist das Buch ein historisches Zeitdokument.

Auch Beats Urgrossvater hatte einen Unfall. Ein brutaler Schneesturm am Matterhorn, bleibende Spätfolgen. Beats Grossvater begleitete verschiedene Besteigungen später noch als Träger, ein Stück der Familienkette, die bis heute reicht.

„Damals haben die Bergsteiger noch etwas ganz anderes geleistet als wir", sagt Beat. „Keine Apps, keine Wetterprognosen, die Routen oft nicht bekannt. Es war Pioniergeist, wie ihn heute fast keiner mehr haben kann."

Matterhorn Museum Zermatlantis: Wo Zermatts Berggeschichte lebendig wird

Seit zweieinhalb Jahren leitet Beat das Matterhorn Museum Zermatlantis, und für ihn gibt es eine direkte Verbindung zwischen Museum und Wandern. Wer in Zermatt unterwegs sei, sollte eine Beziehung zum Ort herstellen, sagt er. Das Museum vertieft diese Beziehung. Man sieht nicht nur den heutigen Stand, sondern wie alles entstanden ist. Geologie, Frühgeschichte und „Spätestens in den Räumen der Erstbesteigung, beim gerissenen Seil, bei den Fundgegenständen vom Matterhorn-Gletscher, wird die Verbindung klar."

Früh los, gut vorbereitet, mit Zeit: Das brauchts für dein erstes Bergerlebnis in Zermatt

Zum Abschluss bitten wir Beat um drei Tipps für jemanden, der zum ersten Mal nach Zermatt zum Wandern kommt:

1. Früh am Morgen losgehen.

2. Sich gut vorbereiten. Sich mit der Gegend, dem Wetter und den Verhältnissen beschäftigen und im Klaren sein, was man eigentlich sehen will. 

3. Genügend Zeit einrechnen. Damit die Natur ihre Wirkung entfalten kann.

Wer unbedingt die berühmte Spiegelung des Matterhorns in einem Bergsee fotografieren will, müsse zu bekannten Ort gehen, sagt Beat. „Aber es gibt auch wunderschöne Spiegelungen anderer Berge in kleinen, oft namenlosen Seen. Ich habe Fotos gemacht, bei denen Gäste sagten: 'So habe ich Zermatt noch nie gesehen.'"

Mit Beat Truffer unterwegs: Zermatt aus der Sicht eines Einheimischen erleben

Eine Wanderung mit Beat P. Truffer ist eine Reise durch mehrere Schichten Zermatts gleichzeitig: durch die Topografie, die Geschichte, die Tier- und Pflanzenwelt und die menschlichen Geschichten, die sich daran knüpfen. Welche Gämse wo aufwächst, wie die Landschaft entstanden ist und sich verändert, welcher Pfad warum so heisst, welche Hütte vor 100 Jahren noch ganz anders aussah.

„Es gibt immer wieder Gäste, die sagen, Zermatt habe so viele Touristen, man treffe keine Einheimischen", sagt Beat zum Schluss. „Mit einer Wanderung mit einem Zermatter Wanderleiter oder einer Wanderleiterin hat man genau die Chance, mit jemandem aus Zermatt unterwegs zu sein."

Wenn du Zermatt mit dieser Tiefe erleben möchtest, begleiten dich unsere Wanderleiter:innen und Bergführer:innen von der einfachen Panoramawanderung bis zur mehrtägigen Hüttentour rund ums Matterhorn.

Eine Auswahl an ZERMATTERS Wander-Angeboten: